Posted on Jun 21, 2018
Thailand mit wachen Augen – ein Reisebericht von Edelgard Grieger (Rotary E-Club Dolphin Pattaya Club Mitglied aus Stuttgart, Deutschland) über ihre Thailandreise vom 27.2.- 20.3.2018
Alle Welt war schon in Thailand gewesen. Ähnlich zu Mallorca hatte ich nicht das Bedürfnis, nur einen Badeurlaub am Strand zu verbringen.
Ich wusste, dass Thailand ein Kulturland ist, mit einer alten Hochkultur. So wollte ich auf einer Individualreise nicht nur die Highlights der Sehenswürdigkeiten kennenlernen, sondern auch die Möglichkeit haben, etwas von Land und Leuten zu erfahren. Ich bereitete eine Reise vor, die mir die unterschiedlichsten Seiten und Aspekte Thailands offenbaren sollte.
 

Bild: Eingang zu einem chinesischen Tempel in Bangkok
 
Ich unterteilte die Reise in vier Stationen mit entsprechenden Absichten:
-Bangkok als Wirtschaftszentrum,
-Pattaya mit dem Verwandtschaftsbesuch und der Kontaktierung der Rotary Projekte,
-wenige Strandtage  bei Krabi: Erfüllung  des Wunsches nach warmem Meerwasser für die arthrotischen Gelenke,
-Chiang Mai, die alte Königsstadt,  als Gegenpol zur großen Metropole, in Ruhe, Gelassenheit und Natur.
 
Wegen verschiedener heimischer Abhängigkeiten konnte ich erst am 27.2. -20.3.2018 reisen.
 
Ankunft in Bangkok:
Schnell bekam ich es mit dem Wohlfühlfaktor in Thailand, neudeutsch ausgedrückt, zu tun.  Am Flughafen in Bangkok, gleich hinter der Sperre, hörte ich meinen Namen. Ich schaute in zwei unbekannte, strahlende Gesichter, die  wirklich mich meinten: Ich stimmte mit dem Bild auf ihrem Smartphone überein.
Fürsorglich und  vorausdenkend hatte meine Cousine, selbst wegen repräsentativer Arbeiten verhindert, zwei befreundete Damen zum Flughafen geschickt, die uns zum Hotel durch das Verkehrsgewusel geleiten sollten.
Herzliche Umarmung, Bekanntmachen als Rotary Clubmitglieder, offenes Lachen, Angenommensein voller Sympathie, Bedürfnisse erfragen, Bekümmern. Eine signifikante Begegnung, die symptomatisch für die ganze Reise wurde, diese offene Herzlichkeit, die mir überall begegnet ist, hat mich tief berührt. Eine Offenheit, bei der sich gleich Vertrauen einstellt, das macht einen innerlich frei und entlastet. Man fühlt sich wohl. Das haben wir in unserem westlichen Leben verlernt.
 

Bild: Empfang am Flughafen Suvarnabhumi in Bangkok, Prof. Dr. Ingolf Grieger, Edelgard Grieger mit Rotary Mitglied Laddawan Chuenta und Rotary Mitglied Nongpanga Sawangwong
 
Ehe wir wieder in diesen betreuten Raum der befreundeten Beziehungen in Pattaya eintauchen konnten, hatten wir 5 Tage Bangkok-Erkundungen vor uns.
Gemäß unserer europäischen Klimagewohnheiten, den Tag  nach der Reise etwas später beginnend, stellte sich uns  beim ersten Stadtgang um 10.30 Uhr  eine “ Hitzemauer“ entgegen.
Europa hatten wir bei -7 Grad verlassen, plötzlich 33 Grad, das raubt einem den Atem. Schnell lernten wir uns anzupassen: 6.00 Uhr aufstehen, die Kühle nutzen. Das gehört auch zum Reisen, dass man sich schnell durch die anderen klimatischen oder lokalen Gegebenheiten in die Notwendigkeiten eines angepassten  Handelns einfindet.
 
So traten wir, mein Mann und ich, in die Stadt hinaus. Höllischer Verkehrslärm, verschmutzte Luft (Mundschutz angesagt), Autobahnbänder, die die Stadt zerteilen, Skytrain wie eine versperrende Mauer.
Ich hatte mich zwar im Reiseführer eingelesen, war vorbereitet auf die Stadt der Königlichen Wats und Paläste, aber nicht auf den kochenden Stadtdschungel.
Eine vergleichbare Stadt mit 10 Millionen Einwohnern -so kompakt- haben wir nicht auf dem kleinen Kontinent Europa. Das sind alles alte gewachsene Städte. Hier nun eine junge prosperierende Stadt mit einer ganz anderen Struktur: riesige Betontürme als Bürohäuser oder Einkaufszentren von unvorstellbarem Ausmaß. Anderseits fand ich aber die modernen Tower mutig und bewunderungswert in ihrer ausgefallenen und eleganten Architektur, bemerkenswert die abwechslungsreiche Verwendung von modernen Materialien.
 
Auch peilte ich gezielt das Museum für Moderne Kunst an: ein interessanter Bau, der es mit dem Guggenheim Museum in New York aufnehmen kann.
Die Inhalte der Landeskunde in extrem avantgardistischer Ausführung erstaunten mich. Der davorliegende Platz ist bestimmt durch einen Wald von Tellerpfeilern von der Stadtbahn. Durch verspielte Anordnungen und Malereien wurde  die Bedrohlichkeit der kalten Betonarchitektonik annulliert. Ich fand das beispielhaft.
 
Bild: Museum für moderne Kunst in Bangkok
 
Die Stadt war sehr anstrengend. Erholung und Entspannung fanden wir  auf dem Fluß, auch wenn hier die Longtail-Boote wieder das Tempo der Stadt aufs Wasser brachten. Je länger und intensiver man in das schnelllebige Bangkok schaute, umso älter und abgehängter kam mir Europa vor. Es vermittelte mir den Eindruck, hier in Asien herrscht Aufbruchsstimmung. Da muss man selber sehen, dass man am Ball bleibt oder man bleibt zurück.
 
Für die zweite Station unserer Reise hatte ich auch 5 Tage eingeplant, um Margret und Otmar möglichst häufig zu sehen und uns ergiebig austauschen zu können.
Wir nutzten unsere gemeinsamen Tage, um uns so häufig wie möglich zu sehen und um viele gute tiefschürfende Gespräche auf dem Gebiet der Politik, Geschichte und Religion zu führen.
So  erfuhren wir viel über den Aufbau der Rotary Clubs, ihre Arbeit  im Allgemeinen, auch überregional. Sehr stolz können sie sein über die große Anerkennung durch  die Ehrung durch H.R.H. Kronprinzessin Maha Chakri Sirindhorn im März 2017 und im Januar 2018.
 
Bild: Abendessen zu Hause auf der Terasse
 
An einem Tag ermöglichten Margret und Otmar meinem Mann und mir den Besuch eines Projekts: eines  „Drop-In und Day-Care-Centers“, in dem auch eine Schule für Migrantenkinder entstanden ist, das Asean Education Center. Hier handelt es sich um die Möglichkeit, Straßenkindern eine Aufenthaltsräumlichkeit, auch über Nacht, Nahrung, Körperpflege, medizinische Betreuung und Hilfe zu bieten. Etwa 2000 Straßenkinder gibt es in Pattaya. Zum anderen werden Migrantenkinder von den Baustellen und Kinder aus den Slums der Stadt täglich mit einem projekteigenen Fahrzeug hierhergebracht, wo sie während der Arbeit ihrer Eltern sich aufhalten können unter Anleitung von Betreuern. Migrantenkinder dürfen in Thailand keine Schule besuchen. Diese einmalige Einrichtung, das Asien Education Center, ist vor 1 ½ Jahren durch die Initiative von Dir. Ratchada Chomjinta entstanden, im Zusammenwirken mit örtlichen und einem niederländischen Rotary Club.
 
Die 4-12 jährigen Migrantenkinder aus Burma, Kambodscha und Laos lernen nach den Regeln ihrer Heimatländer, um für eine Rückkehr vorbereitet zu sein. Sie bekommen auch Anleitung für ein geordnetes Benehmen in der Gruppe und Beschäftigungen in der Gemeinschaft wie Spiele oder Tanz. Thai ist ihre gemeinsame Sprache. Sie werden von dem projekteigenen Bus, den unser Club gespendet hat, morgens von den Baustellen geholt, verbringen hier den Tag und werden abends nach Arbeitsschluss wieder zu ihren Eltern gebracht.
So wurden wir mit einem gut vorbereiteten Empfang überrascht von etwa 80 Kindern, alle in  einem   erfrischenden pinkfarbenen T-Shirt gekleidet.
 
Uns vier Gastpersonen übergab jeweils ein Kind eine typisches Blumengirlande.
Ich hatte diese kunstvoll aufgezogenen Kränze schon beim Buddha-Fest in den Tempeln bewundert und später in Chiang Mai in einem Nachmittagskurs in unserem Hotel gelernt, wie man sie aufzieht.
Im Heim begleiteten uns 80 erwartungsvolle Augenpaare zu unseren Ehrenplätzen. Die Kinder hatten Tänze eingeübt und zeigten uns recht komplizierte Schrittfolgen. Eine erstaunliche Leistung.
Danach durfte ich Dr. Margret helfen, jedem Kind eine Tüte mit Süßigkeiten zu übergeben. Es wird einem ganz warm uns Herz, zu beobachten, wie sie sich brav anstellen und wie dankbar sie für diese kleine Gabe sind.
Nach kurzem Gedankenaustausch mit den Betreuern wurden wir winkend und herzlich verabschiedet.
 
Bild: ASEAN Education Center Schulkleidung der etwas 100 Migrantenkinder
 
Zu meiner Überraschung schloss sich nun ein zweiter Besuch eines weiteren Projekts an: das „Child Protection and Development Center“ für ehemalige Straßenkinder.
Auch hier herzliche Begrüßung. Es stellte sich gleich eine Vertrautheit ein, wie wir in Deutschland es verlernt haben, ohne Voreingenommenheit auf die Menschen zuzugehen.
Während uns die Anlage gezeigt wurde, hatte jeder Erwachsene  ein Kind an der Hand.
 
Mein Mädchen, etwa 10 Jahre alt, konnte sich mir mit wenigen englischen Wörtern verständlich machen. Sie erzählte mir, dass sie italienische Vorfahren habe, was sie stolz machte. Nach jeder Inaugenscheinnahme eines Gemüsebeetes oder der bemerkenswerten Pilzzucht schob sich ganz selbstverständlich wieder die kleine Hand in die meine, dabei ein fröhlich lustiges Geplapper. Die Kinder wirkten so fröhlich und entspannt. Man spürte, dass sie sich  hier durch ein gesichertes Zuhause unbelastet fühlen und einer  Zukunft- sorgenfrei und geschützt- entgegen sehen können.
Die Begegnung mit dieser menschlichen Wärme und Fürsorge war für mich einer der stärksten Eindrücke auf dieser Reise.
 
In eben dieser Art und Weise wurde ich ganz herzlich beim Treffen des Rotary Club Dolphin Pattaya  begrüßt. Ich erhielt persönlich von Präsidentin Dr. Margret und   Past President Dr. Otmar Deter meine Mitgliedsurkunde, sowie die für meinen Bruder Prof. Dr. Helmut Schlaak und meine Tochter Inga Grieger. Mich erstaunte die aufwändige Ausstattung:
ein geprägter goldfarbener Rahmen mit dekorativem Dekor, die Schrift in gotischen Lettern, sehr gehoben, sehr traditionell. Für uns Deutsche inzwischen ungewohnt, bei uns wurde seit den letzten Jahrzehnten derartiges Schriftgut schlicht und sachlich gestaltet.
 
Diesen bemerkenswerten Eindrücken und Begegnungen folgten  ein paar ruhige Tage am Meer in Ao Nang. Das warme Meer tat meinen Gelenken gut. Doch nach der vielen wohltuenden menschlichen Nähe und Wärme fühlten wir uns geradezu vereinsamt.
 
Jetzt war mein Blick wach für die allgegenwärtigen sozialen Probleme. Hier konnte ich jeden Abend auf der Strandpromenade beobachten, wie die Kinder der Suppenköchinnen bis Mitternacht sich selbst überlassen waren. Sie waren neben dem Broterwerb der Eltern “übrig“, allein, sich selbst überlassen, ziellos, traurig.
 
Unser letzter Stopp in Chiang Mai nahm uns in den Bann der herrlichen Natur in einer sehr homogenen alten Stadt. Da lebten wir ein echtes Touristenleben in einem besonderen Hotel, einem alten Landsitz nachempfunden, um einen 200jährigen Tamarindbaum. Die Gäste waren alles gebildete Westeuropäer. Hier hätten wir nicht die Erkenntnisse und Kontakte zur einheimischen Bevölkerung bekommen.
Es gab kleine Berührungspunkte durch das Handeln mit den Markthändlern oder den Tuktukfahrern. Hier konnte man die Notlage beziehungsweise Armut der Bevölkerung täglich sehen. Im Straßenrestaurant lernten wir: eine Schale Reis kostete 10 Baht, ein freudestrahlendes Gesicht über ein Trinkgeld von 20 Baht, eine Taxifahrt in Bangkok zum Flughafen für 291 Baht. Mit einem entsprechend guten Trinkgeld beglückt man hier einen Menschen, vielleicht eine ganze Familie.
Das Grundnaturell dieser Menschen, diese natürliche Freundlichkeit ohne Aggressionen, haben mich tief beeindruckt, genauso wie ihre aufrichtige Gläubigkeit.
 

Bild: fußballgroße Durianfrüchte, begehrt und auch verboten wegen des Geruchs in Hotels und öffentlichen Einrichtungen
 
Als ich meine Verwandten auf dem Rückweg noch einmal in Bangkok treffen konnte, schloss sich der Kreis.
Aus vollem Herzen drückte ich ihnen meine größte Hochachtung aus, wie selbstlos sie ihre Lebensernte mit den Bedürftigen teilen und sich selbst bis zur äußersten Grenze der Belastbarkeit einbringen. Man sieht und spürt, welche wundervolle  Zufriedenheit  Dr. Margret und Dr. Otmar aus ihrer großen Hilfsbereitschaft schöpfen und ausstrahlen, die ihnen die Liebe und dass ihnen der Respekt ihres Clubs und aller übergreifenden Rotary Clubs gehört.
 
Die Zeit des Abschiedsnehmens war gekommen. Margret und Otmar haben uns geholfen, Einsicht  in die Gesellschaft des Landes zu bekommen. Schon im Flugzeug beim Erfahrungsaustausch mit anderen Fluggästen konnte ich feststellen, dass wir eine ganz andere Sichtweise bekommen hatten.
 
Edelgard Grieger
Bild: Aufgang zum Tempel am Buddhaberg Pattaya
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